1. Reise

1. Reise

Es ist Mitte April 1966, als ich zufällig folgende Anzeige lese:

“ In Zusammenarbeit mit der Heuerstelle und den Reedern ermöglichen wir es Schülern der 9. – 13. Klassen, auch dieses Jahr wieder als Decks- und Messejungen zur See zu fahren“
gez. Verband deutscher Reeder 

Da ich mich sehr für die Seefahrt interessiere, reizt mich der Gedanke, zur See fahren zu können. So gehe ich los und stelle mich bei einigen Reedereien vor. Dabei merke ich, daß nicht viele gewillt sind , Schüler zu beschäftigen. Bei der dritten Reederei bekomme ich eine feste Zusage. Doch bevor es soweit ist, muß noch einiges werden. Es wird eine beglaubigte Erlaubnis der Eltern benötigt, sie bestätigt, daß der Sohn zur See fahren darf. Außerdem gebrauche ich das Seefahrtsbuch, die Gesundheitskarte und eine Lohnsteuerkarte. Auf Grund eines Schreibens begebe ich mich zur Seeberufsgenossenschaft, um mich untersuchen zu lassen.

Da stehe nun unter sturmerprobten Seebären und komme mir reichlich komisch vor. Lange Zeit zum Nachdenken bleibt mir nicht, denn schon heißt es: “ Sind sie Herr Lorenzen, sie wollen sich untersuchen lassen? Darf ich die 15,– DM für die Untersuchung haben und ihren Ausweis.“ 15,– DM ! Das ist viel Geld für eine Untersuchung. Aber ich muß sagen, es hat sich gelohnt, denn nach einer halben Stunde Wartezeit ging es los. Es wurde viel mit mir aufgestellt, unter anderem wurde ich geröntgt, abgehorcht und meine Augen wurden ausführlich geprüft. Draußen auf der Straße halte ich stolz meine Gesundheitskarte in der Hand, auf der steht.: „Seetauglich für den Decksdienst“ Ich gehe bei der Reederei vorbei und bin gespannt was nun wohl kommt. Dort sagt man mir:„Für die Sommerferien werden wir einen Platz für sie freihalten. Ihre Papiere sind in Ordnung, sie bekommen von uns Bescheid“ Ob ich mich jetzt wohl verkauft habe? Mutters Freude mich endlich 6 Wochen los zu werden, scheint auch nicht mehr so groß zu sein.

Eine Woche vor den Ferien bekomme ich eine Brief von der Reederei. In einer Woche geht es los, das Schiff heißt „MS Süderau“. Mir wird empfohlen, warme Kleidung mitzunehmen, und Arbeitszeug ist erforderlich. Wie gut, daß ich das schon habe. Mutter packt mit viel Liebe die Reisetasche, damit ich nach dem letzten Schultag mein Abenteuer beginnen kann.

So ist es dann auch. Ich, am Sonnabend mit meinen 7 Sachen erst zur Reederei, dann mit dem Heuerschein zur Heuerstelle, um das Seefahrtsbuch zu holen. Als ich wieder bei der Reederei bin, begrüßt mich an Stelle von Herrn Schwarz ein Mann, den ich als Kaufmann einschätze. Es wird mir gesagt, das ist dein Kapitän, und warte draußen, er nimmt dich mit an Bord. Vor der Tür warte ich und mache mir meine Gedanken. Der Kapitän hatte gar keine Uniform an, und auch keine Mütze auf. Komisch. Mein Schiff, vielleicht ist das ja so ein 40.000 Tonner? Ob ich mich da wohl zurecht finde? Der hat dann die Aufbauten in der Mitte, ist schön weiß und schnell. Wenn ich Glück habe, bekomme ich ja eine große, flotte Kammer. Oder ist das vielleicht so ein kleiner Kutter, wo man Kartoffeln schälen, gleichzeitig am Ruder stehen und noch auf das Kind vom Käpt’n aufpassen muß? Dem Kapitän nach zu urteilen, käme letzteres eher hin. Ach, da kommt er ja schon, hoffentlich gehen wir jetzt nicht zu Fuß.

„Na, du kleiner Seemann, bist du aus Hamburg?“ „Ja, aus Altona“ „Komm steig ein“ Er läßt den VW Käfer an, und wie mir später bewußt wurde, war das das erste, längste und auch freundlichste Gespräch mit Käpt’n Wulf von der MS Süderau. Nach fünf Minuten „Rennfahrt“ durch den Freihafen sind wir da! Schuppen 24, wo wir sonst auch immer lagen. Als ich um den Schuppen herum bin, sehe ich mein Schiff. Ich habe es auf 10.000 t geschätzt, erfuhr aber später, daß es 1.498 BRT hat und knapp 12 kn / std mit Rückenwind schafft.

Ich habe das Gefühl, daß es ein Bild für die Götter ist, als ich mit der dicken Reisetasche und meinem Fotokram die steile und sehr schmale Gangway hochwackle.

Jetzt stehe ich das erste Mal auf einem richtigen Schiff, auf dem Schiff, das 6 Wochen mein neues Zuhause werden soll.

MS SÜDERAU

Suederau1

Ich sehe mich um und gehe durch die einzige Tür auf dem Bootsdeck nach drinnen. Rote Teppiche, blitzendes Messing und eine Treppe nach unten. Hier sind nur noch Haargarnteppiche und weniger Messing als oben. Auch hier eine Treppe nach unten. Im „Keller “ (Mannschaftsunterkünfte) nur noch Stragula und stumpfes Messing. Als ich an dem Maschinenniedergang vorbei gehe, glaube ich, meine Trommelfelle zerplatzen gleich. Wieder eine Treppe, aber nach oben. Mir steigt der Duft von Erbsensuppe in die Nase, und dann begegne ich dem ersten Menschen an Bord. Eine rundliche, gemütliche Figur im Turnhemd, mit einem Schweißtuch um den Hals, unser „Smutje“

Ich habe das Gefühl, wir konnten uns von Anfang an gut leiden, denn der Koch gab bereitwillig über alles Auskunft. Da kommt der 1. Offizier und verlangt mein Seefahrtsbuch. Als ich Frage, wo ich schlafen kann, verweist er mich an den 3. Offizier. Dieser bringt mich in die Kammer neben der Rudermaschine. „Sei leise da schläft einer“ Mit diesen Worten ist er verschwunden. Die Kammer ist nicht groß aber hell und freundlich. Durch meine Ankunft ist mein zukünftiger Kammergenosse „Eddi“ wach geworden und nimmt mich mit zum Essen. Wie 50.000 deutsche Seeleute, so esse auch ich heute Eintopf.

Der andere Decksjunge macht Backschaft, d. h. abdecken, abwaschen u.s.w., als der Dritte wieder auftaucht. „Moses, zieh dir Arbeitszeug an und dann in den Raum, Raumwache“. Gut gesagt, aber wo ist denn mein Arbeitszeug? Wie immer ganz unten in der Tasche. Die Raumwache hat aufzupassen, wenn z. B. Schokolade geladen wird, daß nicht zu viele Kisten zu Bruch gehen.

Am Sonntagvormittag kamen meine Eltern noch einmal kurz an Bord, und Sonntagabend ging es los. Ein Offizier flitzt an Deck herum und gibt Anweisung : „Luk 1 und 2 seeklar, Bäume runter und die Antenne hoch!“ Ich stehe an der Bordwand und sehe zu. Doch nicht lange, denn schon naht der Bootsmann “ Hoi Mufti“, das war sein Lieblingsname für mich. „Faß an! Hammer ist im Kabelgatt, im Deckstore, die Keile auch, keil die Persenninge fest, aber schlag dir nicht auf die Finger“ Kabelgatt ist ein böhmisches Dorf für mich und ich frage: „Wo ist denn das, das Kabelgatt?“ „Oh ha! Vorn am Bug, die Tür, das was dahinter ist!“ Jetzt muß ich mich beeilen, sonst hab ich gleich etwas im Kreuz. Ich hole Korb und Hammer und beginne zu keilen.

Als ich damit fertig bin, sollen die Bäume runter. „Schäkel mal die Prewender und die Geien los“. Was ist das schon wieder? Ich glaube, man gebraucht ein Fremdwörter – Buch. Prewender und Geien sind Querverspannungen der Bäume, um diese in der richtigen Lage zu halten. Ich fiere die Backbordgei mit, und die Bäume kommen in Ruhelage. Das ist Luk 1, denke ich, doch jetzt müssen die durchhängenden Geien straff gezogen, belegt (befestigt) und auch noch aufgeschossen werden. Ich muß mich erst umsehen, bis ich das Aufringeln des laufenden Tauwerks beherrsche, ich schaffe es dann aber alleine , die Geien aufzuschießen.             (Skizze)

Auf hoher See

HoheSeeBei Luk 2 und 3 geht es genau so, ich muß aber noch mit andecken, d. h. die eichenen Lukendeckel auf die Querverbindungen, die Scherstöcke, wuchten. Und dann, als wir fertig sind, kommt Befehl über Lautsprecher: “ Klar vorn und achtern“. Ich bin achtern und muß beim Auslaufen aufpassen, daß das Schiff nicht am Kai entlang schrammt. Hierzu habe ich ein Hanfgeflecht, den Fänder. Es ist nicht leicht den Fänder im richtigen Augenblick zwischen Kai und Schiff zu bekommen.

Mittlerweile ist es halb zwölf und stockfinster. Hundemüde klettere ich in meine Koje. Ich kann nicht so schnell einschlafen da mich das zwar regelmäßige, aber dennoch ziemlich laute Arbeiten der Maschine stört. Meine Gedanken kreisen um Irland. Darüber schlafe ich ein.

Es ist Montag 6:30, als ich mit den Worten: „Du solltest die erste Reise Backschaft machen“ geweckt werde. Ich stehe auf und mache Frühstück. Ich muß Brot schneiden, was mir nicht so recht gelingt, aufdecken, Essen holen, kurz gesagt, ich bin die Hausfrau für die Mannschaft. Heute gibt es Frikadellen, 2 Stück Speck und Brot. Nach der normalen Portion von 2 Frikadellen, die allerdings wie Handteller so groß sind, bin ich unverschämt satt. Als ich Klo und Waschraum fertig habe, ist es halb 10, zweites Frühstück. Tee machen, Brot schneiden, Aufstrich holen usw. Nach dem Abwaschen wartet die Kammer des Bootsmanns auf mich. Als ich um 1/2 12 Uhr aufdecke, und höre was es gibt, glaube ich ich bin im Hotel „Atlantic“. Spargelsuppe als Vorspeise, Steak mit Erbsen ist hier wie gewöhnlich Hauptmahlzeit und Ananas als Nachtisch. Nachmittags gibt’s Kaffee und abends Ei in allen Variationen.

Einen Tag durfte ich mich einleben, denn am zweiten Tag kommt Befehl von oben, bzw. vom Käpt`n: „Moses, marsch auf die Brücke“ In der freudigen Erwartung, nun steuern zu dürfen, beeile ich mich, dem Befehl folge zu leisten. Der Kapitän meint lediglich: „Die Brücke hat es dringend nötig ! Du weißt ja wo Besen, Schrubber, Feudel und Teppichklopfer sind“. Auf einmal habe ich es gar nicht mehr so eilig. Während ich feudle gibt es Großalarm, ich habe einen vollen Wassereimer umgestoßen. War das der Seegang oder bin ich das mit dem Schrubberstiel gewesen? Kein Problem für mich, eben rausgefegt und der Schaden ist behoben. Leider habe ich einen Umstand übersehen, vor den Türen befinden sich 10 cm hohe Schwellen, und nun schwappt das Wasser wie in einer Badewanne hin und her. Außerdem werden Funkbude und Kartenraum mit unter Wasser gesetzt. Wachoffizier und Rudergänger bekommen nasse Füße, nehmen dieses jedoch mit Gelassenheit hin. Ich schaffe es glücklich, ein bißchen Wasser unter den Schrank zu bannen. Den Rest muß ich wohl oder übel auffeudeln. Damit ist es Mittagszeit und ich gehe Backschaft machen.

Doch die Brücke ist noch nicht fertig, denn jetzt kommt der „Lange Finger“, zu Deutsch Messing putzen, dran. Dieses entsetzlich viele Messing! Es ist schrecklich, dreimal muß ich putzen, bis es den Wohlgefallen des Offiziers und des Kapitäns erregt. Zwischendurch gibt es Kaffee, und als ich endlich fertig bin, ist es Abendbrotzeit.

Tagesende

TagesendeUnd abends, ich denke es ist eine Belohnung, darf ich steuern. Es sind furchtbare Schlangenlinien, die ich mir zusammen steure, aber es wird gutmütig darüber hinweggesehen. Nicht selten bin bin ich 5 – 10° vom Kurs. Nach 2 Stunden gehe ich zufrieden ins Bett, und schlafe, bis der Stillstand der Maschine und das Tuten des Thyphons mich weckt. Ich denke sofort an die Fahrt im Rettungsboot nach Hause. An Deck ! Ist mein nächster Gedanke, doch Eddi beruhigt mich: „Schlaf weiter, es ist nichts los“

Wie bereits gewohnt, beginnt für mich um 6:30 der dritte Tag auf See. Erst Backschaft, dann die Messe und die Kammern gemacht, und es ist schon wieder 9:30 Uhr. Um 10:00 Uhr bekomme ich den Befehl, mich auf der Brücke zu melden. Doch kaum habe ich die Brücke erreicht, da werde ich wieder losgeschickt, mit der Order, aus der Maschine Kompaßrosenwasser zu holen. Ich sause hinunter zu einem Assistenten, der mich aber zum 2. Ing schickt, der jetzt Wache hat. Dieser schickt mich zum Chief “ Hol dir erst mal ´ne Pütz. Ich laufe zum Kabelgatt, um eine Pütz ( Eimer ) zu holen. Es ist schon eine halbe Stunde vergangen, seitdem ich Order bekommen habe, das gibt bestimmt Ärger, denke ich. Froh eine Pützt gefunden zu haben, kehre ich in die Maschine zurück. Dort füllt man mir eine braune, stinkende Flüssigkeit in den Eimer. So, jetzt aber schleunigst auf die Brücke. Ob der Kompaß schon geöffnet ist? Wie der wohl von innen aussieht? Kurz bevor ich die Brücke erreiche, fragt mich der 1. Offizier: „Was willst du denn mit dem Gasoel auf der Brücke?“ „Das ist Kompaßrosenwasser, der Kompaß muß nachgefüllt werden“, erkläre ich ihm. Daraufhin will er sich vor Lachen ausschütten. Jetzt begreife ich, daß man mich auf den Arm genommen hat. Das Mißgeschick von gestern, und dieser Spaß dazu, tragen mir den wohlwollenden Spott der gesamten Mannschaft ein.Abends sind wir ,die Ferienfahrer, wieder auf der Brücke, und steuern abwechselnd. Heute geht es schon viel besser.

Es ist Mittwoch, und wir sollen heute in Belfast (Nord-Irland) ankommen. 14:30 Land in Sicht, und um 16:00 sind wir fest.

 Land in Sicht

So, schnell landfein gemacht und dann nichts wie weg. Doch dazu kommt es nicht, denn ehe ich fertig bin, hat der 200 t Kran die 4 Schwerlastkollies an Land gesetzt und schon heißt es wieder „Leinen los“ Vom 1. Offizier höre ich, daß wir in einem halben Tag in Dublin (Republik Irland) sind.

Früh morgens werde ich geweckt, um mit festzumachen. Um 9:00 kommen die ersten Hafenarbeiter an Bord, sie sehen aus wie Touristen. Erst mal wird geklönt, und nach einer halben Stunde erscheinen Männer mit Handkarren am Kai. Jetzt geht es wohl los, denke ich, aber da schätze ich die Irländer schlecht ein, es findet erst eine große Beratung statt, und erst dann fängt man an sich zu „beschäftigen“.

Nachmittags gehe ich zum Käpt’n, bitte um einen halben Tag Urlaub und einen Vorschuß in Höhe von einem Pfund. Mit den Worten: „Gib nicht zu viel aus,“ läßt mich der Kapitän laufen

Im Hafen von Dublin

Mein erster Weg führt mich in einen „Diningroom“. Hier komme ich mit meinem Standard – Englisch ganz gut zurecht. Schwierigkeiten ergeben sich beim Bezahlen. Ich bekomme eine ganze Hand voll Wechselgeld heraus, das aus den verschiedensten Münzen besteht, die aber teilweise den gleichen Wert darstellen. Da ich noch nie englisches bzw. irisches Geld in der Hand hatte, muß ich der Kellnerin vertrauen und das Nachzählen unterlassen. Ich wende mich der Hauptstraße zu , und stelle fest, daß es in Dublin nicht viel anders ist als in Hamburg. Es ist Hauptverkehrszeit, und es herrscht starker Betrieb. Ich wende mich an einen etwas abseits stehenden Polizisten und frage ihn auf Englisch nach dem Weg zum Hafen. An meinem Akzent merkt er, daß ich Ausländer bin und fragt woher ich käme und was ich hier tue. Als er hört, daß ich Hamburger bin, muß ich ihm viel über unsere Stadt erzählen, da er Hamburg von einem Besuch her gut kennt. Nach dieser anstrengenden Unterhaltung, (die teilweise durch Hände und Füße unterstützt wurde) schlage ich den Weg zum Hafen ein. Da fällt mein Blick auf eine groß aufgemachte Kinoreklame. In irischen Kinos läuft ein Non-Stop Programm, das aus mehreren Hauptfilmen besteht. Es bleibt dem Besucher überlassen, wie viel er für sein Geld sehen will. Ich beschließe, in diese Kino zu gehen. Nach einer Stunde reicht es mir, denn die Luft ist zum Schneiden. In irischen Kinos ist nämlich das Rauchen während der Vorstellungen erlaubt. Froh wieder an der frischen Luft zu sein, begebe ich mich an Bord.

Am nächsten Tag denke ich, ich sehe nicht richtig. Am Kai stehen 289 Vierbeiner, genauer Rindviecher. Ich muß hinunter in den Laderaum, um „Cattleboarches“ zu bauen. (So nennt man die Boxen für das Vieh an Bord) Innerhalb einer Stunde ist die Arbeit getan, und die Rinder trampeln, einige wild meuternd in den Raum. Ich „darf“ die stinkenden Tiere in die Boxen treiben, und diese dann mit einer Bohle schließen. Es ist ein hartes Stück Arbeit, aber es wird mit gemeinsamen Kräften geschafft. Luk 3 bleibt halb offen, damit das Vieh Frischluft bekommt. Wir haben die Leinen losgeworfen und langsam versinken die Lichter Dublins hinter uns.

Es ist 6:00 Uhr, als ich von Martin mit den unheilverkündenden Worten: „Das Vieh hat Hunger“ geweckt werde. Ich ziehe mich schnell an und trinke noch eine Tasse Kaffee. Unten im Laderaum stinkt es sagenhaft! Ammoniak! „He, Morphy, faß an!“ Martin und ich versorgen das Vieh im Zwischendeck, es sind 600 Beine oder 150 Köpfe. Pro Box gibt es einen Strohballen. Wir balancieren auf 30 – 40 cm breiten Rändern mit einem Strohballen zu den einzelnen Behausungen des Viehs. Bei der einen Box muß ich mich krampfhaft festhalten denn mir ist ziemlich übel. Und prompt fasse ich in „Kuh-Sch……..“. Eine Kuh war so intelligent auf eine Bohle zu machen. Das soll doch Glück bringen, oder ? Nach einer Stunde bin ich wieder an Deck und bin froh, keine Landluft mehr atmen zu müssen.

Das Bootsdeck, das es ziemlich nötig hat, soll gestrichen werden. Nach dem Streichen wird das Bootsdeck mit „Kastrich-Soda“ gescheuert. Da kommt der 3. Offizier mit dem Kapitän. Dieser bemängelt, daß so viele Farbspritzer auf den Planken sind. Ich soll zum Kapitän kommen. „Na wie gefällt es dir hier? Ich glaube ganz gut.“ – „Ja, Herr Kapitän, bis auf den ländlichen Duft“. – „Das macht nichts, da gewöhnt man sich dran. Willst du mir mal einen Gefallen tun? Vorne im Kabelgatt sind drei Dreieckkratzer , hol mir die einmal“. – „Ja, Herr Kapitän“. Ich beeile mich schon aus Gewohnheit. Ich finde die Katzer und bringe sie dem Käpt’n. „Hier sind die Kratzer, kann ich noch etwas für Sie tun?“ – „Warte mal du kleiner Seebär,“ sagt der Käpt’n. Auf die Kratzer zugehend fragt er mich: „Weißt du wozu die sind?“ – „Nein, Herr Kapitän“ – „Um Farbspritzer vom Deck zu kratzen!“ Auf einmal geht mir eine ganze Galerie Lichter auf. Ich stehe auch schon alleine und beginne zu kratzen. Abends setze ich mich hin und zähle meine Überstunden.

Am nächsten Morgen sind wir im Kanal, der Wind briest mit 7 – 8 Nord – West. Wir haben starke Grundsee, und es geht mir schlecht. Nach dem Vieh füttern, wo ich mir viele blaue Flecke holte, füttere ich die Möwen. Bis zum Abendbrot geht es gut, da ich äußerst Diät lebe. Es ist auf meiner Seereise noch nie vorgekommen, daß ich um 19:00 Uhr im Bett liege, heute ist es der Fall.

Wieder 6:00 Uhr morgens, Vieh füttern, dann alle Mann an Deck. Luk 3 ganz abdecken und anschließend die nicht mehr zu verwertenden Strohballen über Bord. Von den 500 Ballen hat das Vieh 480 Ballen gefressen. Das Wetter ist gut und weit voraus sehen wir das Weserfeuerschiff. Um 16:00 sind wir in Bremen, lautet die Prognose des 1. Offiziers. Mittags hat die Mannschaft Pause. Alles sitzt auf dem Achterdeck und trinkt Bier. Der Erfolg, daß ich mittrinken mußte ist der, daß ich beim Kaffee einen Teller und eine Tasse zerschlage und mich außerdem noch in den Finger schneide. Um ein trinkfester Seemann zu werden, müßte ich wohl Jahre zur See fahren.

Elbe 2 Querab

Wir kommen wirklich gegen 16:00 in Bremen an. Nachdem die „Viehgang“ (Eine Gruppe von Arbeitern, die mistet und die Rinder treibt) die Räume klariert hat und der Kuhmist an Land ist, darf die Crew an Land. Ein Assistent, er ist Österreicher, nimmt mich mit. Ich denke wir gehen ins Kino, doch weit gefehlt. Wir gehen Wein trinken, und zwar in den Bremer Ratskeller. Es ist eigentlich der netteste Abend in den sechs Wochen gewesen. Ich bedaure nur, daß ich von Bremen so gut wie gar nichts gesehen habe, da es abends ist und die Zeit zu kurz war.

Um 4:00 Uhr morgens sind wir wieder seeklar, und es geht fast leer nach HAMBURG. Es ist 14 Uhr und wir haben an unserem festen Liegeplatz Schuppen 24 festgemacht. Abends bin ich schon wieder zu Hause und darf eine Nacht im eigenen Bett schlafen. Es ist genau so wie immer, nur fehlt das leichte schaukeln der Koje.

Ende der ersten Reise

2. Reise        Erinnerungen        Ferienfahrer

 

macht nicht satt, aber neugierig