Lenita 1881 / I

Weihnachtserlebnis in der Nordsee 1881

Johannes Harm Nissen Lorenzen, Kapitän
Teil 1

Nachdem mich genügend herausgefuttert hatte, fuhr ich am 11. Dezember 1881 wieder nach Hamburg. Beehrte aber nicht wieder die liebliche Frau Erichsen mit meiner Kundschaft, sondern quartierte mich in Altona in der Wilhelmstraße bei dem Schlafbaas Jan Hein ein. Jan Hein war selbst ein vertrocknetes Kerlchen, hatte früher als Steuermann gefahren und wohnte jetzt bei seiner Frau Johanna, welche das Geschäft leitete. Er saß den ganzen Tag in Tabakswolken eingehüllt und erzählte Witze und Geschichten ais seinem Semannsleben. In dieser Schlafstelle war die Hauptbeschäftigung essen und schlafen, Johanna kochte gut und reichlich.

Am 12. Dezember 1881 musterte ich auf dem Dreimastschoner LENITA, Capitan Doose an, bestimmt nach Ciudad Bolivar und am 14. morgens gingen wir in See. Die Lenita war 200 tons groß. Die Besatzung war außer dem Kapitä 8 Mann und 1 Hund. Außerdem waren noch 8 Passagiere, darunter 2 Damen und 1 Kind an Bord. Am 17. gingen wir von  Cuxhaven in See. Auf diesem Schiff war doch eine anständige Behandlung und Beköstigung, man arbeitete mit Lust, weil auch ein Matrose als Mensch angesehen wurde, was auf der Louisa nicht der Fall war.

Leider wurde die Lenita vom Mißgeschick verfolgt.

Gleich als der Lootse (!) in der Elbmündung das Schiff verließ, fing es an zu wehen. Beim Abgang sagte der Lootse noch: „se kaamt jo blad wedder!“ Er meinte damit, die Reise sei ja nur 5 – 6 Monate und ahnte nicht, wie bald seine Worte in Erfüllung gehen sollten. Wir waren noch keine 6 Stunden in See, da wehte schon recht anständiger Sturm mit Regenschauern aus SW, aber die Lenita hielt sich tapfer, wenn wir auch nur wenig oder gar nicht vorwärts kamen. Am 19. Morgen war der Bugsprit abgebrochen; wir laschten denselben so gut es ging mit Spiren und Ketten. Eine sehr beschwerliche Arbeit, bei welcher die See ständig über uns hinweg brach. Gleichzeitig brach die Vorbramstenge. Das Schiff lag unter Sturmsegeln beigedreht. Am 20. morgens, ich stand mit einem anderen Matrosen am Ruder und schwere Seen brachen sich über das Schiff. Die Seen hatten eine merkwürdige gelbliche Färbung angenommen und liefen bedeutend höher als am Tage davor. Gegen 8 Uhr morgens zertrümmerte eine Welle das Kajütskylight und überschwemmte die Kajüte.

Als der Kapitän jetzt an Deck kam, um den Schaden wieder reparieren zu lassen, brach von der Backbordseite auf der er stand, eine ungeheure Welle über das Schiff. Eh uns die Welle bedeckte, sah ich noch, wie der Kapitän sich nieder bückte und an den Hoottauen sich fest hielt. Dann ging die Flut über mich hin, man sah und hörte nichts mehr, das Ruderrad ging mit uns über  und ich bekam einige heftige Stöße und trieb in einer hellgrünen gurgelnden Masse. Als das Wasser verlief, blieb ich mit dem linken Fuß irgendwo hängen, während mein Oberkörper hinten überbord runterhing. Da ich mit dem Gesicht nach rückwärts hing konnte ich mir nicht selber helfen. Mein College lag in Lee beim Besanwant. Ein Mensch kam gleich herbei und befreite mich aus meiner unangenehmen Lage. Jetzt wurde der Kapitän vermißt, sahen aber hinten einen Augenblick zwei Arme aus dem Wasser ragen und wieder verschwinden.

Da Hilfe unmöglich war, wurde ich mit meinem ledierten Bein zur Koje getragen. Ich war mit dem Bein in der Rudertalje hängen geblieben und dies war meine Rettung gewesen, aber das Bein erwies sich alsbald als stark gequetscht. Als das überbord gewaschene Tauwerk wieder eingeholt wurde, fand man den Kapitän in demselben verwickelt, zwar schwer verletzt, aber doch noch lebend. Er war unter dem Schiffsheck gewesen und beim Stampfen des Schiffes war ihm die Brust beschädigt. Er wurde der Pflege der Frau Ruttger übergeben. Während ich jetzt vorne in der Koje lag, donnerten ununterbrochen die schweren Seen gegen das Volkslogie; so das ich jeden Augenblick glaubte, es würde zertrümmert mit mir über Bord gehen.

Teil 2

 

macht nicht satt, aber neugierig