Lenita 1881 / II

Weihnachtserlebnis in der Nordsee 1881

Johannes Harm Nissen Lorenzen, Kapitän
Teil 2

Nachmittags gegen 3 Uhr war mittlerweile der Wind mit noch zunehmender Stärke auf NW gegangen, der Regen hörte auf, aber ein leichter Schneefall machte es noch früher dunkel als sonst. Der Koch kam gerade mit dem heißen Kaffeekessel angeschleppt, als das Schiff zum ersten Mal auf Grund stieß, so daß er mitsamt dem Kessel an Deck hinschlug und von der See sofort eingeweicht wurde. Eine Peilung der Pumpen ergab schon 2 Fuß Wasser im Raum, die Leute arbeiteten schon seit längerer Zeit ununterbrochen bei den Pumpen um das Schiff lenz zu halten, aber jetzt nahm das Wasser langsam aber sicher zu. Gegen 6 Uhr abends stießen wir dann wieder auf Grund und blieben nach noch einigen schweren Stoßen sitzen. Die Nacht war dunkel und die See brach beständig über das schwer stoßenden Schiff. Wie lange würde die brave LENITA das aushalten? Allmählich brach an Deck alles auseinander, wir zogen uns in die Kajüte zurück, in der das Wasserfußhoch stand. Als hier die ganze Vorderwand der Cajute von der See zertrümmert wurde, war unseres Bleibens hier auch nicht länger. Während wir dort versammelt waren kam Steuermann Dietrichsen aus Kiel mit einem Schinken und einigen Flaschen Rotwein und meinte, wir sollten uns ordentlich fett essen. Die Passagiere saßen blass und seekrank grün und sagten keinen Ton. Dann zogen wir uns gut warm an, naß bis auf die Haut waren wir ja doch; und ich steckte einen Zettel ein mit unserem Namen und Adresse, sowie einigen Worten an meine Eltern in die Tasche und jetzt hinaus.

Notsignale mit Bluelights hatten wir schon den ganzen Abend gemacht, aber von Land war nichts zu bemerken. Die See brach jetzt beständig über das Schiff hinweg und das Stoßen nahm noch immer zu. Alles krachte und brach aus den Fugen. Nach Mitternacht besserte sich das Wetter etwas und es wurde Ebbe, wodurch das Schiff fester zu sitzen kam, das war unsere Rettung, denn sonst wäre es vor Morgen noch auseinander gebrochen. Infolge Kälte und Seewasser waren wir während der Nacht mit einer Eiskruste überzogen und vollständig verklammt.

Endlich, nach ewigem Harren, dämmerte der Tag und wir sahen in der Ferne einen ganz niedrigen Küstenstreifen. Das Schiff saß verhältnismäßig gut, zwar wehte es noch stark und die Seen gingen noch darüber hin, doch hatte das fürchterlich Stoßen nachgelassen. Aber die Flut hatte schon wieder eingesetzt und damit wurde auch wieder die See schlechter und das Stoßen würde bald wieder zunehmen. Würde die LENITA diese Flut noch aushalten? Unsere Boote waren fortgeschlagen, wir hätten übrigens auch nichts damit anfangen können. Sollte nicht noch Hilfe von Land kommen? Den ganzen Morgen hatten wir nach Hilfe ausgepeilt und von Vormarsstenge wehte die Notflagge (zusammengeknotete deutsche Flagge)

Endlich, es mochte gegen 10.00 Uhr vormittags sein, erschien in der Ferne ein Punkt, der sich auf uns zuzubewegen schien und sich beim Näherkommen als ein Rettungsboot entpuppte. Als das Boot in der Nähe des Schiffes angekommen war erhielten wir auf unsere Fare, wo wir seien, zur Antwort “ beim Romo“, also ganz dicht zu Hause.

Das Anlegen an das Schiff war der schweren See wegen mit besonderen Schwierigkeiten verknüpft. In Lee trieben zu viele Trümmer , auch konnten jeden Augenblick die Masten über Bord gehen. Das Boot ruderte deshlb nach der Luvseite herum und warf eine halbe Schiffslänge luvwärts vom Schiff Anker. Wir standen im Want klar zum Sprigen. Wenn nun das Boot mit der See bis dicht an das Schiff herangefiert wurde, so mußte immer einer die Gelegenheit wahrnehmen und von oben ins Boot springen. Erst nahm man sich ein Tau um den Leib, welches der Bootsbesatzung zugeworfen wurde, damit diejenigen, die vorbeispringen sollten ins Boot gezogen werden konnten.

Nach einiger Zeit waren alle Passagiere und ich als Invalide im Boot und wir wollten gerade abrudern, als Schiffshund Nelly, dem es an Bord nicht mehr gefiel, mit einem Satz hui in das Boot sprang. Da das Boot schon reichlich belastet war, wollten die Laeute vom Rettungsboot ihn über Bord werfen, aber auf mein Zureden nahmen sie ihn doch mit. Nach ihrer Instruktion von der „Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger“ darf das Rettungsboot nämlich nur zur Rettung von Menschenleben benutzt werden.

Teil 3

macht nicht satt, aber neugierig