Lenita 1881 / III

Weihnachtserlebnis in der Nordsee 1881

Johannes Harm Nissen Lorenzen, Kapitän
Teil 3

Nun kam eine wilde Bootsfahrt. Im Boot war ein Steuerer, 8 Ruderer und 1 Mann der die Pumpe bediente. Jeder hatte eine Korkweste angetan. Es war so eine eigen Sache mit dem Boot durch die hohe Brandung zu kommen. Wenn eine Welle von hinten das Boot erfaßte und anhob, mußte man befürchten, daß es sich der Länge nach überschlagen würde. Das Boot stand dann fast steil im Wasser und da im Boot viel Wasser war, lief das vorn am tiefen Ende über Bord und bedeckte fast die dort sitzenden Leute, welche sich nur mit Mühe festhielten. Wenn so eine Welle heran kam, wurde mit Rudern aufgehalten. Die See erfaßte nun das Boot und trug es weite Strecken brandungswärts. Es waren die größten Anstrengungen der Ruderer und die alleräußerste Aufmerksamkeit des Bootssteuerers nötig um das Boot heil hindurch zu bringen. Aber bald waren wir durch die Brandung hindurch und kamen in ruhigeres Wasser. Das bis an den Rand vollgeschlagene Boot wurde entleert und jetzt ging es direkt auf den Starnd. Eine halbe Schiffslänge vom Starnd entfernt stieß das Boot auf Grund und wir wurden von den Leuten an Land getragen. Dort waren aus aus dem nächsten Dorf mehrere mit Stroh gefüllte Leiterwagenaufgefahren, in welche wir verladne wurden; nach dem sie jedem von uns einen Schnaps eingekippt hatten. So führen wir erst ins Wirtshaus von Juvre (liegt im Norden von Romö) wo wir aufgewärmt, gefuttert und mit trockenen Kleidern versehen wurden. Von hier wurden wir auf die Höfe des Dorfes und Umgebung verteilt. Nachmittags 6 brachte das Rettungsboot auch die übrigen noch an Bord verbliebenen Leute an Land. Als wir uns jetzt wieder sahen in der Bauerntracht mit großen Holzschuhen, die Damen kurze weit abstehende Röcke, rote Strümpfe und mächtige Holzschuhe an, mußten wir lachen. Es war auch zu komisch, wenn die Damen in den großen Holzschuhen umher watschelten.

Wie ich hörte, war das Boot schon seit dem Abend klar gewesen. Unsere Signale seine wohl bemerkt worden, doch sei es unmöglich gewesen, gegen die hohe See und Sturm anzukommen. Erst nachdem die Ebbe eingetreten, sei es ihnen gelungen durch die Brandung zu kommen.  Die Leute haben die ganze lange Winternacht an unserer Rettung und sind über 8 Stunden mit dem Boot unterwegs geweseb, ehe sie das Schiff erreichten.

„Ehre den Männern“

Wie ich nachträglich, als ich mit dem Enkel des Bootssteueres auf dem selben Schiff als Matrose fuhr, erfuhr hat sein Großvater in dieser Nacht den Tod geholt und sein Vater blieb um die selbe Zeit als Kapitän mit seinem Schiff.

Von der „Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger“ wurde für jeden Geretteten eine Extraprämie von 30 Mark an die Bootsbesatzung gezahlt.

Wir blieben jetzt noch einige Tage auf Romö. Ich hatte sofort nach Hause telegraphiert „Lenita gestrandet, gerettet, Johannes“ Von Tondern kam am nächsten Abend mein Bruder Matthies dort an und am 23. Dezember traten wir die Reise nach Tondern an. In unseren Wagen verpackt, mit Bier und Proviant genügend versehen, fuhren wir zum Süderhafen und von dort per Boot nach dem Festland, wo unser Fuhrwerk bereit stand, um die Damen, den Kapitän und mich nach Tondern zu bringen! Am nächsten Abend feierte noch der Kapitän den Heiligenabend bei uns, aber er war krank und ist später auch seinem beim Schiffbruch erhaltenen Leiden erlagen. Am nächsten Tag, nachdem wir Verklarung belegt hatten, fuhr die Mannschaft nach Hamburg weiter, während ich noch in Tondern blieb. Damit war das erste Jahr meiner Seefahrt zu Ende. Und nun kam das Jahr 1882. 

macht nicht satt, aber neugierig