2. Reise

2. Reise

Der Sonntag beginnt für mich im alten Rhythmus. Es ist gleichzeitig der Beginn meiner zweiten Reise auf der “ M.S. Süderau“ Während meiner Abwesenheit ist ein neuer Decksjunge gekommen. Nun können wir ja gemeinsam Backschaft machen, ist mein erster Gedanke. Doch vorerst ist es nicht so weit. Da Hamburg ein sehr schneller Hafen ist, geht es nach 1 1/2 Tagen schon wieder los. Der 1. Offizier steht wie auf Kohlen, der eine Matrose ist noch nicht wieder an Bord. Da kommt schon der Wagen der Hafenverwaltung mit dem Lotsen. Der Lotse kommt an Bord. Gangway rein, klar vorn und achtern. An Stelle des fehlenden Matrosen muß ich auf die Back, wieder etwas Neues für mich. Ich sehe, daß Bugsier – Schlepper 15 Kurs auf uns nimmt. Mit 3 Mann müssen wir jetzt 2 Stahltrossen zu Wasser lassen. Der Schlepper dreht jetzt „Hart bei“ und mit einem Peekhaken fischt der Mann am Heck des Schleppers die beiden Trossen von 5 cm Stärke aus dem Wasser und nimmt sie über. Eine Landverbindung wird noch achtern erhalten, um dem Schlepper das Wegschleppen vom Kai zu erleichtern. Wir sind gut vom Kai weg, jetzt muß nur noch ein Matrose an land springen, um die Landverbindung zu lösen. Als dieses geschehen ist und der Matrose wieder an Bord ist, schleppt uns Bugsier 15 in die Mitte des Hafenbeckens. Uns entgegen kommt die „Amalie Russ“. Kurz vor unserer Nase führt man da drüben ein Wendemanöver durch. In meinen Augen ist ein Kollision unvermeidlich. Doch unser Schlepper hat bereits hart nach Steuerbord abgedreht, und versucht uns mit aller Kraft aus der Gefahrenzone zu manövrieren. Die Trossen sind zum Zerreißen gespannt und quietschen, aber wir kommen heil an der Amalie Russ vorbei. Bei den St. Pauli Landungsbrücken schmeißt der Schlepper die Leinen los, um zu seinem Liegeplatz zu dampfen. Während wir elbabwärts fahren, wird es dunkel, und am nächsten Morgen sind wir schon wieder auf hoher See. Beim Frühstück kommt der 1. Offizier in die Messe. Er gibt bekannt, Leichtmatrose Heinz sei achteraus gesegelt. Nachdem er den Wachplan aufgehängt hat, geht er wieder. Nach dem Plan soll ich mit 4 – 8 Wache gehen, d. h. ich habe morgens von 4 – 8 Wache und nachmittags von 16 – 20 Uhr Wache.

Ruderwache

Meine Ruderwache klappt immer besser. Die beiden Besatzungsmitglieder, die Ruderwache gehen, lösen sich stündlich am Ruder ab. Bei Nacht geht einer von ihnen Ausguck, bei Tag verrichtet er während der Freistunde andere Arbeiten. Ich freue mich, daß ich nun kein Messing und keine Fenster mehr putzen brauche. Doch das ist nur eine kurze Freude, denn statt dessen muß ich Rost kratzen und die Stellen überpönen (streichen). Durch meine feste Diensteinteilung sehe ich nicht viel, da ich nur meine Wache gehe, und in der verbleibenden Zeit schlafe.
Nach drei Tagen Überfahrt erreichen wir Belfast. Wir kommen nachmittags an. Ich habe mich gefreut auf dieser Reise etwas von der irischen Küste zu sehen. Aber wie auf der ersten Reise, muß ich auch auf dieser Fahrt, vor Ankunft des Schiffes, Arbeiten unter Deck ausführen. Wir haben diese Reise unter anderem Autos geladen, die in Hamburg gelascht (befestigt) worden sind. Diese Laschings zu lösen ist auch dieses Mal meine Aufgabe. Erst beim Festmachen sehe ich etwas von Belfast. Nach einem kurzen Landgang stelle ich enttäuscht fest, daß Belfast eine mittlere Hafenstadt ist, die sich in nichts von anderen Städten dieser Art unterscheidet. Wir Ferienfahrer müssen auch im Hafen 8 Stunden arbeiten. So bleibt wenig Zeit für einen ausgiebigen Landgang, und ich beschließe an Bord zu bleiben. Für die dreitägige Liegezeit in Belfast ist ein Neuanstrich des Schiffes vorgesehen. Mir fällt die Aufgabe zu, den Namen am Bug frisch am Bug abzusetzen. Ich hänge frei über dem Wasser schwebend auf einem Brett, das mit zwei Tampen an der Reling befestigt ist. Dieser luftige Sitz wird in der Seefahrt „Stellage“ genannt.
Ganz meiner Malerei hingegeben, bemerke ich, daß der Name nach oben entschwindet. Ein Blick nach unten belehrt mich, daß der Name noch am gleichen Platz ist, ich mich aber bedenklich der Wasseroberfläche nähere. Das lachende Gesicht eines Matrosen an der Reling, läßt mich Schlimmes ahnen. Letzte Rettung, Tauklettern! Meine Leistungen in diesem Fach erregten bei meinem Turnlehrer des öfteren starke „Schüttelfröste“ Mit zerschundenen Händen und Knien lande ich unter Einsatz meiner letzten Kräfte an Deck, umgeben von einer Schar lachender Gesichter. ( Erstaunlich, wie viele Leute plötzlich nichts mehr zu tun hatten)

 

Am Kai von Belfast

Es dauert noch zwei Tage, bis wir gelöscht und wieder geladen haben. Die Ladung besteht aus leeren VW – Kisten und aus Kisten von Simca. Im Unterraum von Luk 1 + 2 befinden sich leere Carlsberg – Bierkübel.
Nach 3 Tagen Belfast geht es nach Hamburg. Wir fahren um Schottland herum, leider zu weit von Land entfernt, um einen Eindruck von der Küste zu bekommen. Das Wetter ist gut, und um etwas Bräune mit nach Hause zu bringen, lege ich mich in meiner Freizeit auf die Back zum Sonnen. Nach einer Stunde wird es mir zu kalt, und ich gehe in meine Kammer, um zu schlafen. 15:30 Uhr werde ich geweckt, da um 16 Uhr mein Dienst auf der Brücke beginnt. “ Wir steuern 10° Moses“, sagt mir der Rudergänger und verabschiedet sich mit: “ Gute Wache“, worauf ich erwidre: “ Gute Ruh“. Kurz darauf kommt mein Wachoffizier. Er geht in die Funkbude und sucht „Radio Caroline“ in unserem Empfänger. Mit Beat – Musik vergeht die 1. Stunde meiner Wache sehr schnell.
Nach meiner Ablösung muß ich ein paar Farbeimer und Pinsel wegtragen, dann gibt es Abendbrot. Nach einer weiteren Stunde Ruderwache gehe ich die Wachablösung wecken. Am nächsten Mittag fragt mich der andere Decksjunge ziemlich verwirrt: “ Wo ist die Maschine, ich soll einen Kompaßschlüssel holen, gibt es den überhaupt?“ Ich bleibe todernst und sage: “ Hier die Treppe runter ! “ Als er außer Hörweite ist, muß ich lachen, so hat man es mit mir auch gemacht, doch nun kann mir so etwas nicht mehr passieren. Mit etwas Genugtuung stelle ich fest, daß auch andere Decksjungen sich genau so dumm anstellen, wie ich es getan habe. Am folgenden Tag sollen wir in Bremen einlaufen. In Bremen gehe ich noch einmal an Land.
Der letzte Tag auf See. Eddi ist in Bremen von Bord gegangen. Nun sind wir nur noch fünf Mann, drei Matrosen und 2 Jungen. Aus diesem Grund werden die Wachen verlegt. Es gibt nur noch zwei, die 6 – 12 , und die 12 – 6 Wache. Mir fällt die 6 – 12 zu. Also noch 3 Stunden bis zum Dienstbeginn. Für eine Mütze voll Schlaf reicht es gerade noch.
Bei meinem Dienstbeginn um 18 Uhr passieren wir Bremerhaven. Der in Bremen an Bord gekommene Weserlotse geht beim Lotsenschiff, das in der Wesermündung liegt, von Bord.

Der Lotse kommt an Bord

Bis zur „Theodor Heuss“, dem in der Elbmündung kurz vor Elbe 1 liegenden Lotsenschiff, fahren wir ohne Lotsen. Es dauert 1 1/2 Stunden bis wir es erreichen. Auf der „Theodor Heuss“ läßt man jetzt ein orange farbenes Boot zu Wasser. Diese kleine, aber sehr seetüchtige Polyesterboot verschwindet teilweise ganz und gar in den Wellentälern. Der Elblotse steigt in Lee, der windabgewandten Seite, an Bord.
Um 22 Uhr gehe ich wieder auf die Brücke. Ich begrüße den Lotsen und lasse mir sagen, was wir steuern. Mindestens alle 5 Minuten kommt eine Kursänderung. manchmal schwitze ich Blut und Wasser, wenn ich um 1 – 2° von Kurs abgekommen bin.
Ich habe ja noch gar nicht erklärt wie das Ruder funktioniert. An einer Säule ein Steuerrad befestigt. (Größe wie das eines VW) Dreht man das Rad, so schaltet man die hydraulische Rudermaschine ein. Je nachdem wie lange das Rad in dieser Stellung festgehalten wird, desto härter schlägt das Ruder ein. Die Ruderanzeige ist über dem mittleren Fenster der Brücke angebracht. Eine Nadel zeigt an wie hart das Ruder eingeschlagen ist. Es gehört viel Übung dazu, das Ruder gleich wieder in die Null – Lage, d. h. mittschiffs zu bekommen.
Um 24 Uhr bin ich erlöst. Ich lasse mich in meine Koje fallen und schlafe sofort ein. Plötzlich, um 2 Uhr werde ich mit einer Pütz Wasser geweckt. Als ich in die Messe komme, gibt es für die Mannschaft heißen Kaffee. Dann muß ich auf die Back festmachen. Wieder kommt ein Schlepper unserer Reederei, Bugsier 25. Es wird 4 Uhr bis wir endlich am Schuppen 24 festgemacht haben. Um 5:30 sind wir löschklar. Bis zum Mittag werde ich noch mit den verschiedensten Arbeiten betraut. Das Mittagessen ist meine „Henkersmahlzeit“. Es bedeutet für mich nicht nur das Ende meiner Seefahrt, sondern auch das Ende eines großen Erlebnisses.
Als ich von Bord gehe, merke ich, daß die M.S.SÜDERAU doch wie ein zweites Zuhause für mich war, und daß mir der Abschied ein bißchen schwer fällt. Eine Erinnerung an meine Seefahrt habe ich jedoch auf meinem Schrank stehen:

Eine (unverzollte) Flasche DIMPLE SCOTCH WHISKY

ENDE

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macht nicht satt, aber neugierig