3. Reise -Erinnerungen-

3. Reise 

Es war eigentlich nur so eine Idee mit meiner HP und ich war bequem, denn meine Jahresarbeit war ja schon seit 1966 fertig.  Je länger ich daran geschrieben habe umso mehr fiel mir ein.  Es kamen immer mehr Gedanken zusammen Eindrücke, eben Erinnerungen. Ja und wenn ich hier nun sitze und die auch noch sortieren soll, komm ich mir vor wie ein Großvater, der seinen Enkeln erzählt.  Aber es haben doch einige Spaß an meiner Seite und für mich und für die werde ich das zu „HP“ bringen was ich damals aus Faulheit nicht tat, denn es waren 3 Reisen und nicht nur 2  Es wäre vermessen zu behaupten ich könne nun auch die dritte Reise beschreiben, aber es sind mir viele Erlebnisse im Kopf geblieben, die auch ganz interessant waren und die alle passiert sind, egal auf welcher Reise, finde ich jedenfalls. Also viel Spaß beim schmökern und stöbern in meinen Erinnerungen.

SEEGANG

Wir waren auf der Reise von Dublin nach Bremen und es ging unten um England rum. Wir hatten als Deckslast, also außen neben den Ladeluken, Mähdrescher geladen. Wie üblich hatten wir diese Ladung im Hafen verlascht, dies wurde mit Draht und Drillholz gemacht. Der Draht wurde durch Ösen am Schiff gezogen und dann durch Ösen am Drescher.  Zusammengedreht und dann mit dem Drillholz als Hebel aufgedreht, damit es auf Spannung kommt. Das Holz wurde dann verkeilt und hielt die Spannung. So war man sich sicher, die Ladung konnte bei Seegang nicht verrutschen. Die Reise ging bei normalem Wetter los, wenn das Schiff fährt, dann ist Leben im Schiff, die Maschinen verbreiten einen sonoren Ton, es vibriert immer etwas, einfach das Schiff lebt. Ab und zu sieht man eine Welle und es kommt eine Bewegung zu der Vorwärtsbewegung, ein schaukeln, und auch so wie rollen, irgendwie schön. Der Kaffee in der Muk steht nie still, immer bewegte sich die Flüssigkeit hin und her, im Kreis, es lebte einfach irgendwie.
Wir nahmen Kurs auf den Ärmelkanal, er ist relativ schmal und oft kabbelig. Das Wetter wurde schlechter es regnete und der Wind nahm ständig zu. Das Schiff fing an zu stampfen und wir mußten gegen einen starken NordWest Wind gegenan. Die Süderau tauchte nun schon oft mit dem Steven tief ein. Es kam schon vor, daß die Gischt über das Vorschiff ging. Ich hatte Freiwache und wartete in der Mannschaftsmesse auf meine nächste Wache. An den Tischen waren schon die Schlingerleisten oben, es ist ein Rahmen der ca. 4 cm hoch ist und von unten am Tisch hochgestellt und arretiert werden. Sie verhindern bei Seegang, daß das Geschirr zu Boden geht, es kann so nur auf dem Tisch rutschen aber nicht runter.

Alle Mann an Deck

Der dritte Offizier kam in die Messe und sagte mir ich solle alle Mann wecken und sie sollen an Deck kommen. Das tat ich, wobei ich ab da wußte warum an Niedergängen auf Schiffen immer zwei Handläufe sind, man braucht sie bei Seegang um das Gleichgewicht zu halten. Die Matrosen kamen relativ schnell in die Messe und der 3. verkündete: „Der 1. Mähdrescher vorne an Steuerbordseite hatte sich losgerissen, wir müssen nach vorne und neu laschen“ Er machte eine Pause guckte mich an und sagte: „Moses kommst auch mit“ Ein Matrose nahm mich mit und zeigte mir wo das Ölzeug hing. Es gab da eine Kammer durch die Heizungsrohre liefen, damit das nasse Zeug getrocknet werden konnte. Ja richtig, dieses gelbe Zeug, aber besser als Touristenware*lach*. Es war schwer und auch schmutzig, eben Arbeitszeug. Meine blaue Latzhose hatte ich an und den dicken Pullover auch, nun in das Ölzeug Trägerhose bis unter die Achsel, Öljacke bis zum Knie und dann noch den Südwester auf, dieser ach so komische Hut den die Seeleute auch auf Bildern immer tragen. Wir gingen achtern auf das Deck und dann Richtung mittschiffs. Bevor wir weitergingen holte der Bootsmann eine Leine und wir banden uns aneinander. Immer 2 bis 3 Meter Leine und dann der nächste. Die Leine sollte uns sichern, damit nicht einer über Bord geht, sondern von den anderen gehalten wird. Wir gingen dann nach vorne, oder besser wir krabbelten zum Teil, denn wir mußten über die Luken, da die restliche Deckslast uns oft den Weg versperrte. Es war um sich in die Hose zu machen. Ja ich hatte irre Angst. Das Schiff tauchte zum Teil so tief in die See, daß Unmengen von Wasser über den Bug schossen und mit einer Gewalt über das Deck ablief, unvorstellbar. Hier tat nun der Südwester seinen Dienst, das Wasser lief über die breite Krempe so tief ab, daß es nicht in die Jacke lief. Muß ein pfiffiger Kerl gewesen sein der den erfunden hat. Auch ansonsten hielt das Ölzeug dem Wasser stand.
Die Ladeluken waren mit einer dicken Persenning abgedeckt und verkeilt, das Wasser konnte nicht durch, aber wenn das Wasser auf der Persenning war, war sie glatt. Das Schiff taumelte und stampfte durch die hohen Wellen und endlich waren wir vorne. Der Drescher hatte zwei Laschings abgerissen und rutschte bei jeder Welle, stieß einmal an die Bordwand und dann an die Luke. Wir hatten schon Draht und Drillholz mitgenommen. Aber es war kaum möglich dieses Monstrum zu bändigen. Mit Tampen versuchten wir ihn am rutschen zu hindern, immer wieder etwas fester wenn er sich bewegte, wir zogen wie die Irren, aber immer so, daß wir auch für uns genug Halt hatten. Es gibt keine Chance in so einer Situation, es kann keiner die See ruhig machen noch kann man anhalten, das Problem mußte gelöst werden. Es wäre nur eine Frage der Zeit gewesen bis der Drescher ganz losgerissen wäre und dann die restliche Decksladung aus den Laschings gerissen hätte. Es hätte für unser Schiff und damit auch für uns gefährlich werden können. Ein Matrose wurde länger angebunden und er versuchte immer zwischen jeder Welle an den Drescher zu kommen. Immer gewarschaut von uns wenn der nächste Brecher kam. Er hatte sich schon die Hand verletzt aber er machte unverdrossen weiter. Auch das Blut störte ihn nicht, er machte seinen Job und wie machte er ihn. Es gelang ihm die Schlinge zu legen und wir konnten mit vereinten Kräften den Lasching festziehen. Auch der zweite Lasching wurde gelegt und so wurde der Spielraum für den Drescher immer enger und endlich war er fest. Ich war froh und bei all dem was dort ablief habe ich die See gar nicht mehr gespürt, obwohl wir jede Welle von oben bekamen, immer wieder Wasser in schier unendlichen Mengen.
Auf dem Rückweg nach achtern, prüften wir gleich die anderen Laschings, aber die hatten gehalten und wir kamen alle wieder in der Messe an. Pitschnaß es tropfte aus allen Poren, eine Mischung bestimmt aus Angstschweiß, Schweiß und Seewasser, wir zogen das Ölzeug aus und hingen es zum trocknen. Unser Smutje hatte frischen Kaffee gekocht und wir tranken den heißen Kaffee zusammen. Irgendwie zusammen, so selbstverständlich als wenn es das normalste von der Welt war, was wir eben gemacht haben und ich als Moses dazwischen, ich gehörte dazu.

Neptun opfern – oder die Seekrankheit

Es war auch während einer Durchquerung des Ärmelkanals, strammer Nordwest und harte Grundsee, diese Grundsee hat eine andere Richtung als der Wind, es kämpfen also zwei Wellen gegeneinander. Resultat ganz rauhe See mit viel Wellen. Die Süderau schien das nicht zu stören, sie tauchte ein in die Wellen die Gischt spritzte hoch und das Wasser lief über das Vorschiff wieder ab. Dabei blieb es aber nicht, zu der Nickbewegung kamen leichte Seitenbewegungen die stärker wurden. Man hatte das Gefühl sie dreht sich um mehrere Achsen. Schon am Mittag war mir ganz kodderig um die Magengegend und dann am Nachmittag war es soweit. Ich ging Möwen füttern oder opferte Neptun. Ich stand achtern und kotzte mir die Seele aus dem Leib. Immer wieder es kam nur noch Galle aber es wollte nicht aufhören, so wurde es Abend. Es muß die erste Reise gewesen sein denn nur da fuhr unser alter Smut mit. Backschaft hatte ich erledigt und den Abwasch auch immer mit fluchtartigem Verlassen in Richtung Reling, nur immer mit den Wind sonst hat man sein Opfer selbst im Gesicht. Unser Smut stand in der Tür zum Achterdeck und sah sich das an. Ich hätte sterben mögen immer dieses schaukeln, dann die Wellen, die Übelkeit. Ich drehte mich um und wollte in meine Kammer in meine Koje. Da nahm der Smut mich zur Seite und sagte: “ Na mein Jung, is denn alles raus“ und grinste dabei, aber ganz nett eigentlich. Ich habe nur genickt. „Dann komm mit in die Kombüse ich mach dir noch was zu Essen“. Ich wehrte mich mit Händen und Füßen. Wie sollte ich noch Essen ? Das interessierte ihn aber nicht, er holte die große Bratpfanne, setzte sie in die Metalleisten auf dem Herd machte das Feuer an. Schnitt Speck, richtig fetten Speck und dann gekochte Kartoffeln. Ei dazu, richtig Bratkartoffeln oder Bauernfrühstück und was für eine Portion.
Er stand breitbeinig vor der Pfanne, die Kellen schepperten immer gegeneinander, es schien ihn nichts zu stören. Ich saß an dem kleinen Tisch und wollte wieder raus, da sagte er “ Komm Jung bleib hier da kommt doch nichts mehr“ und nach einer Pause „Dein Magen ist ganz leer der springt bei jeder Welle rauf und wieder runter, klar dass es dem nicht gut geht“ Er hatte die Bratkartoffeln fertig, die Pfanne blieb auf dem Herd bei kleiner Flamme und er füllte mir auf, ne echte Seemannsportion. „So, das ißt du nun und es geht dir besser“ Er setzte sich zu mir und trank sein Bier dabei, Ich stocherte im Essen und wollte nichts essen. „So iß was, den Rest halte ich auch noch warm für dich, egal wie lange es dauert, ich hab Zeit, denn das ißt du auch noch“ Mir wurde schon wieder speiübel. Er schaute mich nett an „Du das kennen wir alle und ich versprech dir wenn du das auf hast dann geht es dir wieder gut. In Zukunft merk dir, iß bevor das Wetter kommt!“ So saßen wir in seiner Kombüse, das elende schaukeln war auch immer noch da, die Pfanne mit den brutzelnden Bratkartoffeln, der Smut mit seinem Bier und der Moses, wohl grün im Gesicht beim hinunter würgen von eigentlich köstlichen Bratkartoffeln. Ich fühlte mich geborgen bei dem Koch und schon ihm zum Gefallen mußte ich essen, denn obwohl er Feierabend hatte, kümmerte er sich nur um mich und hatte seine Küche wieder angeworfen. Es waren bestimmt Stunden die wir zusammensaßen, kaum etwas haben wir gesprochen, aber das mußte auch nicht sein, wir verstanden uns auch so. Ja und recht hatte er auch noch, denn voll bis obenhin beruhigte sich mein Magen und ich konnte dann schlafen. Der nächste Morgen war immer noch heftig, aber ich befolgte seinen Rat und aß zum Frühstück Schwarzbrot mit Rührei, Speck und Wurst, bis der Magen wohl wieder sein Gewicht hatte der ihn am Hüpfen hinderte. Und damit ging Neptun, der Gott der Meere an diesem Tag leer aus, jedenfalls von mir bekam er kein Opfer.
Nach der ersten Reise musterte unser Smut ab, ich kenne seinen Namen nicht und habe ihn nie wieder gesehen, aber erinnern kann ich mich sehr gut an ihn, vielleicht klingeln ihm ja die Ohren wenn ich hier schreibe.
Nach ihm musterte ein kleiner hagerer Smut vom Arbeitsamt an. Auch von ihm gäbe es was zu berichten, mal sehen.
Warten wir mal auf den nächsten Leuchtturm der mir den Weg weist.

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macht nicht satt, aber neugierig